NICHT CHAOS SONDERN LEERE


Ein irreführender Begriff

In vielen Bibelübersetzungen begegnet uns der Begriff „Chaos“, wenn vom Zustand der Erde vor der Schöpfung die Rede ist. Doch dieser Begriff kann leicht in die Irre führen. In unserem heutigen Sprachgebrauch steht „Chaos“ für Unordnung, Wirrwarr oder gar Bedrohung. Das hebräische Originalwort hingegen beschreibt keinen feindlichen Zustand, sondern vielmehr eine Leere, eine Öde – etwas Ungeformtes, ein Anfangszustand ohne Struktur oder Zweck, aber nicht eigenständig oder widersetzlich gegenüber Gott.

„Die Erde aber war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.“

— Genesis 1,2

Von Anfang an ist Gott der souveräne Herr über alles. Es gab keinen Widerstand, keine Macht, die er erst hätte bezwingen müssen. Gott rief die Materie aus dem Nichts ins Dasein. Die Erde war Teil dieses Anfangs – ein leeres, ungeformtes Gefäß, das auf seine Gestalt und Bestimmung wartete. Kein unkontrolliertes Chaos, sondern Rohmaterial unter Gottes Kontrolle.

„Denn so spricht der HERR, der den Himmel geschaffen hat – er ist Gott –, der die Erde gebildet und gemacht hat; er hat sie gegründet. Nicht als eine Öde hat er sie geschaffen, sondern zum Bewohnen hat er sie gebildet.“

— Jesaja 45,18

Gottes Schöpfung war kein Kampf gegen ein wildes Chaos, sondern ein aktives, liebevolles Gestalten. Die Erde ist nicht einfach ein beliebiges Objekt im Universum, sondern ein Werk göttlicher Weisheit und Fürsorge – ein Raum, den Gott bewusst bewohnbar machte. Er formte ihn mit Ruhe, Geduld und Zielgerichtetheit.

„Du hast die Erde gegründet auf feste Grunde, so dass sie nicht wankt immer und ewiglich.“

— Psalm 104,5


Die Erde war Gottes Gesellenstück

„Am Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“

(Genesis 1,1)

Am Anfang erschuf Gott alles. Aber für die Erde nahm er sich 6 Tage Zeit und formte sie. Denn: "Die Erde aber war wüst und leer..."


Das Missverständnis um das Meer und den Leviathan

Ein besonders häufig missverstandener Teil der Schöpfungserzählung betrifft das Meer. In vielen Auslegungen erscheint es als Sinnbild des Chaos – ein dunkler, gefährlicher Ort, in dem der Leviathan haust, ein furchterregendes Wesen. Daraus ist die Vorstellung entstanden, Gott habe zuerst das Meer oder den Leviathan besiegen müssen, um Ordnung zu schaffen. Keine Webseite dieses Copy/Paste - Konzept nicht verbreitet.

Diese Deutung lehnt sich stark an altorientalische Mythen an, wie das babylonische Enuma Elish, in dem Götter gegen Urmonster kämpfen, um die Welt zu erschaffen. Auch Begriffe wie tohuwabohu (wüst und leer) oder tehom (Urflut) in Genesis 1 werden oft in diesem Kontext gelesen. 

Doch die Bibel übernimmt diese Motive nicht – sie entmythisiert sie.

In Genesis 1 gibt es keinen Chaoskampf. Kein Gegenspieler tritt Gott entgegen. Gott ist allein, souverän – er spricht, und es geschieht. Das „Urchaos“ ist kein Feind, sondern ein unfertiger Anfangszustand, dem Gott in Frieden und Ordnung begegnet. Urleere wäre wahrlich die bessere Übersetzung.


Wer oder was ist der Leviathan?

Der Leviathan erscheint in poetischen Texten wie Hiob 41, Psalm 74,14 und Jesaja 27,1 als gewaltiges, respekteinflößendes Wesen. Doch diese Texte stellen klar: Er ist ein Geschöpf Gottes, nicht sein Gegenspieler. Der Leviathan steht in der Gesamtschau der Bibel symbolisch für Satan und dämonische Mächte, aber niemals als eine eigenständige Kraft, die Gott zu Beginn der Schöpfung hätte überwinden müssen. Am Anfang war Satan auf Gottes Seite und freute sich über die Schöpfung der Erde:

„Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir's, wenn du so klug bist!“

— Hiob 38,4

Dann beschreibt Gott die Grundlegung der Erde, als ein festes Gebäude mit Maßen, Eckstein – und dann folgt:

„... als die Morgensterne miteinander jauchzten und alle Söhne Gottes jubelten?“

— Hiob 38,7


Nach seinem Fall kündigte Gott an Satan und seine Dämonen zu richten

„An jenem Tag wird der HERR mit seinem harten, großen und starken Schwert heimsuchen den Leviathan, die flüchtige Schlange, und den Leviathan, die gewundene Schlange, und er wird das Ungeheuer im Meer töten.“

— Jesaja 27,1

Auch hier geht es nicht um eine reale Naturmacht, sondern um ein Bild für geistliche Finsternis, die Gott im Endgericht besiegen wird. Selbst politische Feinde – wie der Pharao in der Exodusgeschichte – werden mit dem Leviathan verglichen weil sie unter dämonischer Herrschaft standen:

„Du hast das Meer gespalten durch deine Macht, zerschmettert die Köpfe der Drachen im Wasser. Du hast die Köpfe des Leviathan zerschlagen, ihn dem Volk zur Speise gegeben in der Wüste.“

— Psalm 74,13–14

Diese symbolischen Bilder zeigen Gottes Überlegenheit über alle Mächte – weltlich und geistlich. Sie beschreiben keinen historischen Kampf, sondern den geistlichen Sieg Gottes über jede Form des Bösen.

„Du hast das Meer durch deine Macht begrenzt, die Fluten sind verstummt durch deinen Rat.“

— Psalm 65,8

Gott steht über allem – über dem Meer, den Nationen, über Leviathan, Satan selbst. Es gibt keine dualistische Spannung zwischen gleich starken Mächten. Die Bibel kennt keinen Götterkampf. Gott ist absolut souverän.


Licht statt Kampf

Auch der Beginn der Schöpfung zeigt keine Auseinandersetzung, sondern das souveräne Wirken Gottes durch sein Wort. Er musste nichts „bändigen“ oder bekämpfen. Es gab keine unabhängigen chaotischen Mächte. Der Anfang war eine Leere – ein Zustand, der durch Gottes Wort mit Ordnung, Sinn und Leben erfüllt wurde.

„Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.“

— 1. Johannes 1,5

Das Licht, das Gott am ersten Tag schuf, ist nicht nur physisch zu verstehen, sondern Ausdruck seiner Gegenwart. Es verdrängt nicht nur die Dunkelheit – es überstrahlt sie völlig.


Eine wichtige Frage stellt sich

Warum wird „Tohu wa bohu“ so oft im Zusammenhang mit alten Göttermythen interpretiert, obwohl die Bibel ein souveränes Gottesbild vermittelt und die Schöpfung nichts mit Chaos oder einem Urkampf zu tun hat? Ein amerikanischer Prediger sagte einmal, dass die beiden Bücher der Bibel, die am stärksten angegriffen werden, Genesis und Offenbarung sind – das erste und das letzte Buch. Im ersten lernen wir, wie Satan arbeitet, im letzten erfahren wir, wer er wirklich ist und wohin er letztlich gehört. Satan benutzt Verdrehungen der Wahrheit, Lügen, Täuschung und Propaganda als seine stärksten Waffen. Und natürlich hat er ein Interesse daran, solche Fehlinterpretationen am Leben zu erhalten, weil sie ihn als einen vermeintlich ebenbürtigen Gegner Gottes darstellen und die biblische Wahrheit in Frage stellen.

Tatsächlich jedoch wäre die treffendere Analogie für Satan gegenüber Gott eher die einer Ameise im Vergleich zu einer Atombombe.


Fazit

Die biblische Schöpfung ist kein Kampf, sondern ein Akt souveräner Liebe, Weisheit und Ordnung. Gott begegnet dem Ungeformten nicht mit Gewalt, sondern mit Wort, Ziel und Segen. Die Erde, mit all ihrer Schönheit, ist ein Kunstwerk Gottes, das er mit Geduld und Hingabe formte – nicht ein Produkt von Streit oder Notwendigkeit.

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