Die Stellung Israels und des Judentums aus christlicher Perspektive
Wie sollen Christen zum Staat Israel stehen? Wie sollen sie den jüdischen Glauben einordnen, angesichts der Tatsache, dass beide Religionen dieselben Schriften, zumindest teilweise, teilen?
Im Hinblick auf das heutige Judentum herrscht in vielen Kirchen eine bemerkenswerte Zurückhaltung. Es wird nur selten kritisch über Israel oder das Judentum gesprochen, und die Rolle des Staates Israel sowie des jüdischen Volkes im göttlichen Heilsplan scheint oft unklar.
Die Bibel beschreibt jedoch, dass Gott dem jüdischen Volk Verheißungen gemacht hat: ein zukünftiges Königreich, einen neuen Himmel und eine neue Erde. Die Juden werden als Gottes auserwähltes Volk dargestellt.
Der politische und gesellschaftliche Begriff „jüdisch-christliche Werte“ verstärkt die Verwirrung zusätzlich. In Medien und Politik wird er häufig verwendet, ohne dass eine klare theologische oder praktische Bedeutung vermittelt wird.
Für Christen stellt sich damit die Frage, wie sie diesen biblischen Verheißungen und der historischen Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk gerecht werden können. Dabei zeigt die Bibel sowohl die aktuelle Stellung der Juden als auch ihre Rolle in der Zukunft sehr deutlich auf.
Was die Bibel über die ethnischen Juden lehrt
In den Kapiteln Römer 9-11 behandelt der Apostel Paulus einige der tiefsten theologischen Fragen in Bezug auf Gottes Erwählung, das Schicksal Israels und die Einbeziehung der Heiden in den Heilsplan Gottes. Ein zentrales Thema dieser Kapitel ist die Verstockung Israels, die eng mit ihrer Ablehnung Jesu als Messias und ihren Sünden verbunden ist. Diese Verstockung ist nicht das Ergebnis eines vorherbestimmten Willens Gottes, sondern eine Konsequenz ihres anhaltenden Unglaubens und ihrer Sünde und die Kreuzigung ihres Messias.
Gottes Erwählung und die Rolle Israels
Paulus beginnt in Römer 9 damit, die Souveränität Gottes in der Erwählung zu betonen. Er macht deutlich, dass nicht alle, die von Israel abstammen, automatisch zum „wahren Israel“ gehören, sondern dass die Zugehörigkeit zu Gottes Volk durch den Glauben definiert wird. Er verwendet die Beispiele von Isaak und Ismael sowie von Jakob und Esau, um zu zeigen, dass Gottes Erwählung unabhängig von menschlichen Werken oder Abstammung geschieht.
„Nicht aber, dass das Wort Gottes hinfällig geworden wäre; denn nicht alle, die von Israel abstammen, sind Israel; auch nicht, weil sie Abrahams Same sind, sind sie alle Kinder, sondern: ‚In Isaak soll dir ein Same genannt werden.‘ Das heißt: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Same gerechnet.“
(Römer 9,6-8, Schlachter 2000)
Also nicht alle Juden sind Israel. Nicht alle die rassische und oder ethnische Juden sind gehören zu Gott. Es gilt etwas neues.
Verstockung als Konsequenz der Ablehnung und Sünden (Römer 9-11)
Ein zentraler Punkt in Römer 9-11 ist die Verstockung Israels. Diese Verstockung ist nicht willkürlich, sondern die Konsequenz ihrer Ablehnung von Jesus als den jüdischen Messias, seiner Kreuzigung sowie ihrer Sünden.
Israel hat durch die Zurückweisung Jesu als Messias den Plan Gottes abgelehnt. Das Versprechen, das Gott den Juden im Alten Testament gab, wurde abgelehnt.
Es handelt sich um das Versprechen, dass Gott das Reich des Himmels, also ein neues physisches Israel unter der physischen Leitung eines davidinischen Königs und der geistigen Führung Gottes (Jesus), errichten würde. Diese Ablehnung in Verbindung mit ihren Sünden hatte zur Folge, dass die Juden verstockt wurden.
Paulus schreibt dazu:
„Was wollen wir nun sagen? Dass Heiden, die nicht nach Gerechtigkeit strebten, Gerechtigkeit erlangt haben, nämlich die Gerechtigkeit aus Glauben; Israel aber, das nach dem Gesetz der Gerechtigkeit strebte, hat das Gesetz der Gerechtigkeit nicht erreicht. Warum? Weil es nicht aus Glauben geschah, sondern als aus Werken des Gesetzes; sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes (Jesus).“
Römer 9,30-32, Schlachter 2000
Diese Verstockung ist ein gerichtlicher Akt Gottes, der auf die Sünde und den Unglauben des Volkes reagiert. Sie ist also nicht eine im Voraus festgelegte Bestimmung, sondern ein Urteil über das Volk, das den Messias Jesus ablehnt.
Paulus fährt fort:
„Was nun? Was Israel sucht, das hat es nicht erlangt; die Auserwählten aber haben es erlangt, die übrigen aber sind verstockt worden, wie geschrieben steht: ‚Gott hat ihnen einen Geist der Schlafsucht gegeben, Augen, um nicht zu sehen, und Ohren, um nicht zu hören, bis zum heutigen Tag.‘“
Römer 11,7-8, Schlachter 2000
Hier zitiert Paulus aus Jesaja 29,10:
„Da hat der Herr der Heerscharen den Geist des Schlafes über sie ausgegossen, und er hat ihre Augen verschlossen, und er hat ihre Fürsten verhüllt, damit sie nicht sehen und verstehen von Herzen und sich bekehren und heil werden.“
Und aus Deuteronomium 29,4:
„Aber zu diesem Tag hat der Herr eure Augen nicht geöffnet und eure Ohren nicht gehorchen lassen, und eure Herzen haben nicht verstanden, bis zu diesem Tag.“
Diese Zitate zeigen, dass die Verstockung Israels eine Folge ihres fortgesetzten Unglaubens ist. Sie haben den Messias abgelehnt, und deshalb hat Gott sie verstockt, um das Heil zu den Heiden zu bringen. Wichtig dabei: Gott hat sie nicht ungläubig gemacht; er hat sie in ihrem Unglauben verstockt. Mit anderen Worten: Er hat sie in diesem geistlichen Zustand „fixiert“.
Vergleiche um aufzuzeigen wie schlimm der moralische Zustand der Juden zur Zeit Jesu war
Die moralische und geistliche Lage der Juden zur Zeit Jesu war so ernst, dass Paulus in Römer 9,29 die Worte des Propheten Jesaja zitiert: „Und wie Jesaja vorhergesagt hat: ‚Wenn der Herr der Heerscharen uns nicht Nachkommen übriggelassen hätte, so wären wir wie Sodom geworden und Gomorra gleich gemacht.‘“
Die Sünden Israels hatten ein Maß erreicht, das sie in Gottes Augen den Städten Sodom und Gomorra gleichmachte, die für ihre Verdorbenheit durch göttliches Gericht völlig vernichtet wurden.
Ohne das Eingreifen Gottes, ohne Seine gnädige Bewahrung eines Überrests, hätte Israel das gleiche Schicksal erleiden müssen. Doch Gott verstockte das Volk in seinem Unglauben und hielt sie in ihrem geistlichen Zustand fest, um sie nicht endgültig zu vernichten.
Diese Verstockung, wie Paulus sie auch in Römer 11,4 anhand des Beispiels der 7.000 Männer zur Zeit Elias erläutert („Doch was sagt ihm die göttliche Antwort? ‚Ich habe mir 7.000 Männer übriggelassen, die ihre Knie nicht vor Baal gebeugt haben.‘“), war Teil von Gottes Plan, um einen Überrest Israels zu bewahren.
Während ein Großteil der Juden in ihren falschen Lehren und ihrem Unglauben verblieb, diente dies dazu, das Evangelium zu den Heiden zu bringen, wie Paulus in Römer 11,11 schreibt: „Durch ihren Fall ist das Heil zu den Heiden gelangt, um sie zur Eifersucht zu reizen.“
Gleichzeitig erinnert Paulus daran, dass diese Verstockung nicht ewig anhalten wird: „Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt bleibt, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist Israel zum Teil widerfahren, bis die Vollzahl der Heiden eingegangen ist, und so wird ganz Israel gerettet werden“
(Römer 11,25-26).
Obwohl die Mehrheit Israels dem Gericht unterliegt, wird am Ende ganz Israel, also zur Zeit der Drangsal, die Mehrzahl der Juden Jesus erkennen können und gerettet werden.
Paulus macht im Römerbrief auch klar, dass durch Jesus Christus eine neue Beschneidung für die Juden gilt. Eine neue Beschneidung im Herzen. Ein neuer Bund
„Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, auch ist nicht das die Beschneidung, die äußerlich am Fleisch geschieht, sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und die Beschneidung des Herzens geschieht durch den Geist, nicht durch den Buchstaben.“
(Römer 2,28-29)
„Denn wir sind die Beschneidung, die wir Gott im Geist dienen und uns Christi Jesu rühmen und uns nicht auf Fleisch verlassen.“
(Philipper 3,3, Schlachter 2000)
„Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern eine neue Schöpfung. Und alle, die nach dieser Regel wandeln – Friede und Barmherzigkeit über sie und über das Israel Gottes!“
(Galater 6,15-16, Schlachter 2000)
„In ihm seid ihr auch beschnitten worden mit einer Beschneidung, die nicht mit Händen geschehen ist, durch das Ablegen des fleischlichen Leibes, in der Beschneidung Christi.“
(Kolosser 2,11, Schlachter 2000)
„Darum denkt daran, dass ihr, die ihr einst Heiden im Fleisch wart und Unbeschnittene genannt wurdet von der so genannten Beschneidung, die im Fleisch mit Händen geschieht, dass ihr damals ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde für die Bündnisse der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt. Jetzt aber seid ihr in Christus Jesus, die ihr einst fern wart, nahegebracht worden durch das Blut Christi.“
(Epheser 2,11-13, Schlachter 2000)
„Und er empfing das Zeichen der Beschneidung als Siegel der Gerechtigkeit des Glaubens, den er hatte, als er noch unbeschnitten war, damit er der Vater aller sei, die glauben, obwohl sie unbeschnitten sind, und ihnen die Gerechtigkeit angerechnet werde; und damit er der Vater der Beschneidung sei, nicht nur derer, die beschnitten sind, sondern auch derer, die wandeln in den Fußstapfen des Glaubens, den unser Vater Abraham hatte, als er unbeschnitten war.“
(Römer 4,11-12, Schlachter 2000)
Gott berücksichtigt die Juden, aber nun unter dem neuen Bund, dem Blut Jesu
Zugang zu Gott gibt es nur durch den Glauben an Jesus Christus.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Gott die Juden vergessen hat – insbesondere nicht seine Verheißungen an sie, etwa dass er ein neues Israel unter König David errichten wird.
Ich vertrete die Auffassung, dass sich diese Verheißungen erfüllen werden, jedoch im Rahmen des neuen Bundes. Die ursprünglich ethnischen Juden, die Jesus während der Drangsal annehmen, werden das Recht erhalten, sowohl im tausendjährigen Reich als auch danach in der „neuen Welt“ dauerhaft über das Gebiet Israels zu herrschen. Dieses Land wurde den Juden an mehreren Stellen im Alten Testament auf ewig zugesagt. Es werden messianische Juden sein – Juden, die zum Christentum konvertiert sind, letztlich Christen –, die dieses Gebiet dauerhaft bewohnen werden.
Gegenwärtig gibt Gott den Juden jedoch nicht die Möglichkeit, ihre eigenen Schriften – den Tanach – richtig zu deuten. Zahlreiche Stellen darin weisen klar darauf hin, dass Jesus ihr Messias ist.
Paulus macht dies in 2. Korinther 3,14 deutlich:
„Aber ihre Sinne sind verhärtet; denn bis auf den heutigen Tag bleibt derselbe Schleier beim Lesen des Alten Testaments und wird nicht aufgedeckt, weil er nur in Christus weggenommen wird.“
Viele Verheißungen im Alten Testament kündigen das Kommen Jesu an. So beschreibt Jesaja 9,5 den künftigen Herrscher als „Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Ewig-Vater, Friedefürst“. Jesaja 53 schildert zudem den leidenden Gottesknecht, der die Sünden seines Volkes trägt.
Diese Prophezeiungen sind zentral für das Verständnis der messianischen Identität Jesu, wie sie im Neuen Testament erfüllt dargestellt wird. Dennoch hindert der „Schleier“ viele Juden daran, diese Verheißungen auf Jesus zu beziehen.
Der momentan Zustand der Juden genau erklärt
Verstockung, wie sie in Römer 11 beschrieben wird, ist ein geistlicher Zustand, in dem ein Mensch so im Unglauben verhaftet ist, dass er Jesus aus eigener Kraft weder erkennt noch annimmt. Dieser Zustand ist ein gerichtlicher Akt Gottes, der aus Ablehnung und Sünde entsteht. Ein „Schleier“ verhindert dabei das geistliche Verständnis, wie Paulus in 2. Korinther 3,14 erklärt.
Heute sind die meisten ethnischen Juden verstockt. Das bedeutet, dass sie Jesus nicht als Messias erkennen und in diesem Moment auch nicht wollen. Verstockung ist dabei nicht einfach ein Mangel an Gelegenheit, sondern eine innere Ablehnung. Sie sind so im Unglauben fixiert, dass es aus eigener Kraft unmöglich ist, Jesus zu akzeptieren.
Paulus – Trauer um sein Volk
Der Apostel Paulus ist ein zentrales Beispiel für die tiefe seelische und geistliche Verbundenheit mit dem Volk Israel. In Römer 9,1–3 drückt er sein unermessliches Leid aus:
„Ich habe großen Schmerz und unaufhörliches Herzleid, denn ich wünschte, ich selbst wäre verflucht und getrennt von Christus, wenn es meinem Volk, meinen jüdischen Brüdern, zum Heil dienen würde.“
Paulus empfindet eine tiefe Liebe und Verantwortung für seine jüdischen Brüder. Er erkennt, dass die überwältigende Mehrheit Jesus nicht als Messias annimmt.
Er weiss, dass ein Grossteil der Juden verdammt sind. Wer verständlicherweise Mühe mit diesem Bild hat, sollte das nächste Kapitel lesen: "Verstockung der Juden im Detail erklärt"